Nachruf für Albert Riedlinger

Meine ersten Erinnerungen an Albert Riedlinger gehen bis ins Jahr 1978 zurück. Als ich damals in den „Modellbauclub“ des Luftsportvereins Metzingen eintrat, war Albert Riedlinger mit 38 Jahren bereits ein Modellflugsportler von Rang und Namen. Auf nationalen und internationalen Wettbewerben anerkannt, erfahren und erfolgreich. Die mehrfache Teilnahme an Welt- und Europameisterschaften zahlreiche Ehrungen und Auszeichnungen schmückten seinen sportlichen Lebenslauf.
Er wurde Europameister in der Hangflugklasse F1E und in der Klasse F1A gewann er mit seinen Segelflugmodellen den Europacup sowie 1978 die Mannschafts-Europameisterschaft,  ein Spitzensportler mit großartigen Perspektiven für weitere Erfolge. Jedoch galt seine Konzentration in dieser Zeit bereits nicht mehr allein dem eigenen Erfolg, sondern dem Fördern von Kindern und Jugendlichen sowie dem gemeinsamen Erleben des Freiflugsports. Das Entwerfen, Entwickeln, Konstruieren, Bauen (nicht basteln !), Erproben, Fliegenlassen von Modellflugzeugen und der Leistungsvergleich auf Wettbewerben war Albert Riedlingers große Passion und Freude.
Diese Leidenschaft wollte er nicht allein für sich behalten, sondern weitergeben,  insbesondere an junge Menschen.
Albert Riedlinger besaß neben seinen bereits bekannten und unbestrittenen Fähigkeiten als Konstrukteur und Erbauer von wunderschön gebauten (wie aus dem „Schächtele“) Flugmodellen, seinem fliegerischen und taktischem Geschick, dem Gespür für Thermik auch eine außergewöhnliche Gabe dieses an Andere weiterzugeben.
Ohne jemals eine pädagogische Ausbildung erhalten zu haben, war Albert Riedlinger ein hervorragender Lehrer und Trainer.
Durch seine sensible Art konnte er einfühlsam uns Jugendlichen in die Kunst des Modellbauens und des Fliegens heranführen.
Niemand wird als perfekter Erbauer von 410 g leichten Segelflugmodellen mit bis zu 250 cm Flügelspannweite geboren. Es bedarf demnach neben der Fähigkeit zum Motivieren und Begeistern auch mitunter viel Geduld, um jemand dazu zu befähigen, solch ein Flugzeug zu bauen und fliegen zu lassen.
Albert Riedlinger hat viele Menschen dazu befähigt.
Dabei hatte er hohe Ansprüche an sich selbst und an seine junge Mannschaft. Eine Maxime war trotz allem Verständnis für Fehler, nichts dem Zufall zu überlassen, weder Ungenauigkeiten beim Konstruieren und Bauen, noch Nachlässigkeiten beim Fliegen und auf Wettbewerben.
Albert Riedlinger legte außerdem großen Wert auf die Teamfähigkeit und Kameradschaftlichkeit eines jeden Einzelnen, genauso wie auf das richtige Gespür für Thermik, körperliche Fitness, fliegerisches Geschick und Taktik und das „Lesen“ von Wetterbedingungen und Situationen während des Fliegens.
Dies Alles war letztlich die Basis für die herausragenden Leistungen der Metzinger Modellfluggruppe in den vergangenen 30 Jahren.
Die Erfolge von  Stefan Rumpp, Dietrich-und Bernhard Sauter, Frank Adametz, Felix Hofmann, Volker und Lennard Bajorat, Rüdiger und Hermann Gaenslen und weiterer junger Modellflieger sind ein eindrucksvoller Beleg für diese einzigartige Jugend- und Vereinsarbeit.
Seine uneigennützig eingebrachte Erfahrung war der Ursprung der Erfolge der Junioren-Nationalmannschaften der letzten 10 Jahre: Aufgeschlossen für moderne Techniken, und deren direkten Umsetzung beispielsweise bei der Einführung einer neuen Modellflugklasse (F1P) hat er den Erfolg und die unbändige anhaltende Motivation bei den Junioren ermöglicht. Unvergessen sind dabei die langen Reparatur-Nächte in fremden Ländern, welche mit Improvisationstalent und seinen hohen Qualitätsanforderungen am nächsten Tag wieder voll einsatzfähige und makellose Modelle für die Wettkämpfe hervorbrachten. Schmerzlich war es, dass Albert schon in den letzten Jahren oft nicht mehr selber mitfahren konnte, aber trotzdem aus der Ferne mit Rat, Material und intensiven Miterleben immer dabei war.
Aber auch im Umgang mit Misserfolgen zeigte Albert Riedlinger pädagogisches Geschick. Er verstand es, das Positive aus Niederlagen und Enttäuschungen zu ziehen. Er konnte zurechtweisen und war dabei jedoch niemals entmutigend sondern stets konstruktiv und motivierend. Dabei lenkte er unseren Blick immer nach vorne. So konnten wir auch lernen mit Misserfolgen umzugehen. Für jedes Problem wurde unter seiner Leitung eine Lösung gefunden.
So erlernten wir nicht nur die Kunst des Bauens- und das Fliegen von Modellflugzeugen, sondern auch Strategien, um die vielfältigen Herausforderungen die das Leben so bietet, positiv zu bewältigen.
Es ist deshalb umso schmerzhafter für uns alle, dass wir Angesichts seiner Erkrankung ratlos und machtlos waren und für Albert Riedlinger keine Lösung finden konnten. Albert Riedlinger war für viele Menschen ein sensibler, humorvoller, verständnisvoller, treuer und insbesondere für uns Jugendliche ein beinahe väterlicher Freund. Gespräche mit ihm waren stets bereichernd und interessant, da er sich über den Modellflugsport hinaus, für Musik, Kultur und soziale und gesellschaftliche Zusammenhänge interessierte.
Oberflächlichkeit und Unverbindlichkeit, ein Merkmal unserer heutigen Zeit, stehen im Gegensatz zu seiner vorbildlichen sozialen Kompetenz und seinem verantwortungsvollen Engagement für die Jugend, den Modellflug, seine Familie und den langjährigen ehrenamtlichen Tätigkeiten in Gremien und Ausschüssen wie z.B. im Fachausschuss Modellflug des Baden-Württembergischen Luftfahrtverbandes.

Mit dem Tod von Albert Riedlinger verliert nicht nur die Modellflugszene, die er entscheidend geprägt und bereichert hat, einen seiner herausragenden und engagiertesten Persönlichkeiten.

Wir sind erfüllt mit Trauer über den Verlust eines wertvollen Freundes, aber auch dankbar für das was er uns mitgegeben hat für unser Leben aber auch für nachfolgende Generationen. Dankbar für die Zeit die wir mir Albert Riedlinger verbringen durften. Es ist wichtig, dass wir unsere Erlebnisse und Erfahrungen mit ihm in Erinnerung behalten, damit er in uns lebendig bleibt.

Albert Riedlinger verstarb nach schwerer Krankheit am 10.06.2009.

Hermann Gaenslen
Luftsportverein Rossfeld Metzingen
Abteilung Modellflug

Sportfachgruppe Modellflug im DAeC
Klaus Böckmann     Michael Thoma